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Rede zum Volkstrauertag am 17.11.2019

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Zum zweiten Mal folgen Schüler*Innen der Oberstufe der KGS Sittensen unter Leitung der Fachschaft Philosophie der Einladung des Samtgemeindebürgermeisters Diedrich Höyns gefolgt, eine Rede bei der Gedenkveranstaltung am Volkstrauertag zu halten und damit die junge Generation der Samtgemeinde und im Speziellen die KGS Sittensen zu vertreten.
Das hier veröffentlichte Script ist eine überarbeitete Fassung der Grundlage der Rede, deren konkreter Wortlaut am 17.11.2019 aufgrund der sinnvollen Improvisation nicht dokumentiert ist.
A
Krieg.
Sterben.
Leiden.
Vielleicht können Sie sich daran erinnern, wie es war.
Vielleicht haben Sie persönliche Erinnerungen.
Wir nicht.
Aber: Wir wissen, was geschehen ist:
Verwandte, Urgroßeltern, Freunde von Verwandten haben uns davon berichtet In der Schule haben wir viel darüber gelernt.
Aus den Medien, in unzähligen Dokumentationen wurden und werden wir darüber unterrichtet.
Können wir uns überhaupt an Krieg erinnern?
Kennen wir Menschen, die sich an Krieg erinnern können?
Kennen wir Menschen, die Krieg erlebt haben?
Wir schon:
Wir nehmen in den Medien täglich Teil am Schicksal von Menschen, für die Krieg Realität ist;
Wir haben Mitschüler*Innen, für die Krieg Realität war und auf gewisse Weise noch immer ist;
Wir haben Bekannte, die Krieg als Soldat mit Nato-Abzeichen auf der Uniform kennen;
Wir kennen Menschen, die geflohen sind vor dem Krieg in ihrem Land
Wir haben Freunde, deren Biographien durch Krieg geprägt ist.
B
Deutschland 2019
Deutschland ist ein reiches Land.
Durchschnittsnettoeinkommen liegt bei 1890.- €!
Arbeitslosenquote: 3,1 %!
Jeder hat die Möglichkeit, sich den 2867000 Studierenden an deutschen Universitäten anzuschließen;
es gibt flächendeckend Allgemeinbildende Schulen; es besteht Schulpflicht.
Vor 30 Jahren ist die innerdeutsche Teilung überwunden worden;
seit 1945 lebt Deutschland im Frieden mit seinen Nachbarn in Europa.
Alles kein Grund zur Besorgnis!?
Arbeitende Menschen bangen um ihre Rechte in geringfügigen Beschäftigungsverhältnisse die Kaltmiete steigt ständig an, was viele ängstigt;
eine Krise der Rente droht, es zeichnet sich Altersarmut ab;
Menschen rutschen in Hartz-IV-Verhältnisse;
der Zorn entlädt sich in Straßenschlachten als Protest anlässlich der G20 in Hamburg, allbekannte Parolen, die man längst überwunden gemeint hat, hört man laut auf den Straßen:
Pegida,
„Wutbürger“,
das Vertrauen in die Integrität des Gegenüber, sein Bekenntnis zur Wahrheit gerät ins Wanken,
Stichwort „Lügenpresse“
das Klima zwischen Menschen wird vergiftet;
→ Die Grenzen des „Sagbaren“ verschieben sich, manifestieren sich im Terror: 09.Oktober 2019 in Halle
Mehr als ein Grund zur Sorge?
Wir erleben zuhause und in der Schule jeden Tag: Nicht alles ist immer gut!
→ Wir haben es aber doch gut, heißt es immer wieder; aber:
wir erleben eine wachsende Kritik an der freiheitlich-demokratischen Grundordnung
wir erleben ein Ausblenden wissenschaftlicher Erkenntnisse, bspw. in Fragen des Klimas
wir erleben, wie religiöse Überzeugungen für machtpolitische Interessen instrumentalisiert werde
wir erleben einen verschärften Tonfall in der Politik und der Gesellschaft
wir erleben, wie Ausgrenzung wieder gesellschaftsfähig wird.
Nichts bewahrt uns davor, dass verloren geht, was wir schätzen:
unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung,
unser lebenswertes Klima,
religiöse Toleranz,
einen wertschätzenden Tonfall in Streitgesprächen: hart in der Sache, anerkennenden gegenüber der Person,
Wertschätzung und Anerkennung unterschiedlicher Lebensentwürfe und Lebensläufe.
Welche ungeheuren Ressourcen scheinen nicht angemessen genutzt worden zu sein, welche Ressource wurden gar verschwendet!
Demokratische Diskurse scheinen ins Wanken zu geraten
→ allzu oft scheinen parteipolitische oder kapitalistische Interesse zu überwiegen
Das, was wir schätzen, ist nicht selbstverständlich.
A
WIR müssen uns fragen: WIE wollen wir leben?
WELCHE Werte sollen uns leiten?
WER wollen wir in 50 Jahren, in 100 Jahren sein?
→ WAS ist unser Projekt? UNSERE Utopie?
Manchmal kommt es uns vor, wir hätten verlernt, daran zu glauben, dass WIR es sind, die entscheiden, die Verantwortung übernehmen, die etwas ändern können.
ABER
Vielleicht liegt es an uns, daran zu erinnern, was wir erben, wofür im 20. Jahrhundert gekämpft, gelitten und
gestorben wurde.
Zu bewahren, was nach dem Ende des II. Weltkrieges,
durch den Fall der Berliner Mauer und
die Wiedervereinigung erreicht wurde.
Vielleicht liegt es an uns, kritisch zu prüfen, was diese Errungenschaften in Gefahr geraten lässt.
Vielleicht liegt es an uns, wieder Utopien zu entwerfen und neue Wege zu erschließen.
An Wissen mangelt es wahrlich nicht,
nicht an Berichten von den Schrecken der Krieges und der Kriege weltweit,
nicht an Berichten vom Leid auf der Welt und mitten unter uns,
nicht über das sich verändernde Klima auf der Erde.
Vielleicht aber mangelt es uns an Willen und an Mut, etwas zu ändern, damit bleibt, was wir schätzen; damit wir unseren Erben eine freiheitlich-demokratisch geordnete lebenswerte Welt in Frieden überlassen.
Vielleicht liegt es an uns, mutig zu sein und entsprechend zu handeln.