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Das DSP-Ensemble Abi27 lässt „Die Stimme der Nacht“ erstrahlen

6 / 7 – Jetzt noch schnell die Reise ins BAND-Modell buchen!
21. Juni 2026

Eine intensiv-berührende Collage von tragischer Liebe, Gewalt und Einsamkeit.


Die Lichter gehen aus in der Aula und zunächst muss man sie aushalten. Die Dunkelheit, die Stille, wenn der Vorhang aufgeht und der größte Teil des aus 24 Schüler:innen des Abiturjahrgangs 2027 bestehenden Ensembles schemenhaft zu erkennen ist; manche stehen auch hinter dem Publikum. Das aber merkt man erst, wenn das chorisch interpretierte Gedicht „Nachtblume“ sich zu einer so wuchtigen wie schönen Klangskulptur erhebt: „Nacht ist wie ein stilles Meer“. Welch ein Auftakt für eine Reise in die Nacht, auf die wir durch Abbas Rezai mitgenommen werden, der, teils in Persisch gesprochen, wie eine Art Conférencier manche Übergänge moderiert. Noch ganz lebensnah beginnt die erste ausgespielte Szene, die einen Teenager oder jungen Erwachsenen zeigt (in einer tollen Melange aus verpeilt und verwirrt: Marcel Steffens), der von Freunden (ziemlich robust: Jannes, Tjelle, Jakob, Luis) aus dem Bett geholt wird, um seinen Geburtstag zu feiern. Doch dieser erwacht aus einer Art „Schlafparalyse“ und kann sich nur an ein sehr verstörendes Ereignis aus der Nacht erinnern: den „Kuss“ - mit oder von wem auch immer. Klar ist: hier ist nichts klar, die Nacht verändert unseren Blick auf die Welt um uns herum und uns selbst.

Cut: Wir sind mitten auf dem vielleicht berühmtesten Ball der Theatergeschichte. Magisch ist der flüchtige Augenblick, die erste Begegnung von Romeo und Julia - brutal die Drohung, er, der Erzfeind, werde seinen Frevel büßen und umso tragischer ist diese zärtliche Berührung der Verliebten, wenn man weiß, dass sie für diesen Wimpernschlag des Glücks mit dem Leben bezahlen werden. „Sie leuchtet so hell wie alle Fackeln und ihr Strahlen ist heller als ein Diamant“ - das stimmt wahrlich, also: Vergesst Claire/Leo - wir haben Amelie Lüders (bezaubernd) und Tjorge Meyer (sehnsuchtsvoll)! Aber fürchtet euch vor der rasenden Wut, die Steven Springmann auf die Bühne schmettert. Stark auch Alina Dau und Emma Daske, die hier für feine Ausrufezeichen sorgen.

Was passieren kann, wenn sich Liebe verläuft - und wie wehmütig ist der Blick zurück auf den Anfang: das zeigen uns zu „The Night We Met“, fantastisch live performed von Emilina Sept und Lisa Höper, die eigens als Special Guests mit an Bord geholt wurden, absolut punktgenau, berührend gespielt in einer sensationellen Choreografie Alina, Ida, Lisa, Neele, Joris und Niels. Das ist ein unfassbar ehrlich-berührender nachdenklich-melancholischer Moment in ausdrucksstarken Bildern mit einem wunderbaren Song.

Verliert sich dort vielleicht eine Liebe, endet hier vielleicht das Leben: „Morgen werden wir sterben!“. Zu schier emotionaler Folter, die teils kaum zu ertragen ist, werden diese Minuten, die einerseits wie Blei schwer wiegen, andererseits so tief menschlich berührend und verstörend leicht sind: Es begegnen sich zwei junge Menschen, die bereit sind, aufzugeben, ihr Leben zu beenden. Brillant ist die Idee, die Texte zunächst vom Band abzuspielen - wie weit haben sich diese beiden jungen Menschen vom Leben schon entfernt. - Sie kreisen nun umeinander, kommen sich nahe und scheuen doch davor zurück, sich zu berühren, sich wirklich zu öffnen: Wie Jennifer Krüger (mit beeindruckender physischer Präsenz und sprachlicher Präzision) und Tjorge Meyer (umwerfend: der verschlossen-sehnsuchtsvolle Blick in die Ferne) dies mit größter Bühnenpräsenz in den Raum stellen, uns unweigerlich nahekommen, das ist grandios. - Ebenso der Einfall, das Pärchen zu doppeln: Luna Rutz (sie umgibt eine dunkel leuchtende Traurigkeit) und Linus Martens (verstummend nachdenklich, insofern eindringlich) scheinen alternative Gedankengänge aufzuzeigen, machen klar, dass sich alles nicht so leichtfertig fügt. Auch sie irren wie ferngesteuert umher. Im Leben dieser jungen Menschen scheinen Körper, Verstand und Gefühl zu dissoziieren, sich stets aufs Neue zu widersprechen. Ist ihre Liebe der letzte Funken Hoffnung? Werden sie sterben? „Nein“, sagt ihr Schatten - vielleicht doch, der Gedanke lässt einen nicht mehr los.

Auf die originelle „Norway.today“-Miniatur folgt gleich ein weiteres Schwergewicht: Eine kraftvolle Ensemble-Choreografie nach Elfriede Jelineks „Dornröschen“, angeführt von Leni Försterling, deren gleichermaßen makellos wie antik anmutendes Gesicht zum Symbol für eine mitreißende Emanzipationsgeschichte wird: Wie einen Panzer tragen die jungen Frauen eine schwarze Lederjacke: „Du bist meine Hecke“, sagen sie - anklagend, verzweifelt, ernüchtert. Erschütternd schließlich: „Mein Dasein ist Schlaf“. Es ist eine sehr direkte, ungekünstelte Performance, von der Marinela Divkovics ersticktes Flüstern sich tief eingräbt. Wie ein Schlag, ein harter Schlag, trifft sie eine (ja: ihre) brutale Realität: Sie werden von einer wilden Horde Jungs krass beleidigt und gedemütigt. - Chapeau vor diesem Mut, denn es kostet viel Überwindung (auch im Darstellenden Spiel) sich öffentlich harsche (sexualisierte) Gewalt anzutun - und es spricht für die Kids im Jahrgang, dass sie das aushalten und so mächtig in den Saal schmettern! - „Nein!“, das gehe nun wirklich zu weit. Und sie legen ihren Panzer ab: „Ich bin meine Hecke!“, und confident gehen sie von der Bühne, als selbstbestimmte junge Frauen!

Doch es melden sich wieder die Stimmen der Nacht, die verstören, verängstigen, verwirren. Sich gegen sie zur Wehr setzen, ihnen entfliehen kannst du nur, wenn du dir Kopfhörer aufsetzt. Aber du blendest sie ja nur aus, sie sind nie weg - du bist nicht sicher. Das ist sehr einfach gemacht und daher so unfassbar klar und unmittelbar emotional mitreißend, wie hier Eva, Jennifer, Ksenija, Leni, Linus und Marcel in einer starken Klang-Bild-Installation performen, durch die Inneres und Äußeres sich wechselseitig verkehren. - Aber diese Reise in die Nacht wird noch dunkler, finsterer, ja: realistischer. Anlass für „Die Fahrer sind meistens männlich“ ist ein Artikel in einem Nachrichtenmagazin, in dem von sexuellen Übergriffen als Normalität für Mädchen und Frauen berichtet wird. Aus dem Ensemble stammt die Idee, dieses Thema zu inszenieren und in die Produktion zu übernehmen. Und das gelingt in einer kühlen, distanzierten Form, die daher umso eindringlicher wirkt (besonderer Dank gilt hier dem bemerkenswerten Engagement von Ksenija Rommel): Eva, Ksenija, Leni, Neele berichten so erschütternd authentisch, sie seien (auf unangenehme Weise) auf dem Heimweg nicht allein, der Heimweg habe „verschiedene Eskalationsstufen“, dass Spiel und biografische Reflexion sich zu überlappen scheinen - Mann mag sich das kaum vorstellen. Gerade Neeles nüchterne Traurigkeit lässt einen schier fassungslos zurück. Danach kleben rote Hände an den schwarz gekleideten jungen Frauen - deutlich, aber nicht plakativ - erschütternd, aber nicht reißerisch wird ein Statement gesetzt, flankiert durch die sachliche Berichterstattung von Anchorman Jakob Schlesselmann (sehr souverän mit natürlicher Autorität). Wenn schließlich eine junge Frau - sportlich: Amelie! - von brutal auftretenden Jungs durch den Saal gehetzt wird, wenn sie schließlich verschwindet und man von Backstage nur noch ihren verzweifelten Schrei hört, dann verschlägt es einem die Sprache, stockt der Atem in der dichten Atmosphäre, die das Ensemble hier sehr ernst und genau kreiert: „Meine Sicherheit hängt von der männlichen Gunst ab.“ - Und Mann möchte aufstehen und entgegnen: Das darf nicht sein! Nein! - Kann Theater mehr bewirken wollen?

Grandios erneut der Soundtrack wie auch die Choreografie: zu „Everybody Knows“ zeigt das Ensemble Mechanismen der sozialen Ausgrenzung und Unterwerfung als „Gruppenzwang“ bis zum (vermutlich) tödlichen Finale (hier besonders ausdrucksstark: Alina Dau und Joris Mahnke).
Stark.
- Apropos Tod. Es wird gruselig in einer ziemlich krassen Horror-Sequenz, die Anleihen beim E.T.A Hoffmann-Klassiker „Der Sandmann“ nimmt: Steven, Tjorge und Jakob sorgen bei Emma Daske für unruhigen Schlaf. Ob Papa Mischa (Sept) seine Scream-Queen beruhigen kann? Wer weiß…aber ein Ticket nach Hollywood für einen neuen Slasher sollte Emma lösen dürfen. Und eine herrlich ironische Pointe löst schließlich den Exkurs in die Schwarze Romantik mit dem Sound des Sandmännchens auf - „Es ist noch nicht so weit“.

Aber fast: Dass das Programm nach etwa siebzig Minuten enden wird, eröffnet uns Reiseleiter Abbas elegant. Zuletzt werden wir zurück in die Gegenwart der erbarmungslosen Leistungsgesellschaft - und in die nahe Zukunft dieses so jungen Ensembles - versetzt: Der Mann, fast dreißig Jahre, habe alles erreicht, aber ob es das Leben sei, das er wirklich einmal habe führen wollen? Ist er glücklich in seinem Reichtum und seiner Arbeit? Die Jungs bilden die Stimmen in seinem Kopf, die ihm eine Rechnung offenlegen, an deren Ende nichts bleibt. Er (in seiner Ausdruckslosigkeit erschütternd: Linus Martens), einsam auf der Couch. Er steht auf, er geht: „Ich weiß, dass ich etwas ändern muss, aber wie?“

Black.

Und dann kommen sie zurück zu dem berührenden Klavier-Solo von Jakob Schlesselmann - die Gestalten der Nacht, die Träume und der Schrecken, die Liebe und der Tod, die Hoffnung und die Enttäuschung, die Angst und der Mut. Sie kehren zurück zum Abschied von der Nacht zu einem melancholischen, vielleicht auch versöhnlichen, ja hoffnungsvollen Bild.
Vollkommen zu Recht großer Applaus für eine inhaltlich und ästhetisch so facettenreiche wie schauspielerisch vom gesamten Ensemble geschlossen dargestellte Collage, die lange nachhallen wird, weil sie vielfältige Emotionen auslöst, ernst und ehrlich tief, doch dramaturgisch leichtfüßig, in die Facetten der Nacht leuchtend, und weil die Kids hier von Themen erzählen, die sie bewegen: Liebe und Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit und Leere, sexuelle Gewalt und Diskriminierung, sozialer Druck, Scheitern und die leise Sehnsucht, es könnte doch auch anders, vielleicht besser, sein. Was bleibt? Vielleicht einfach mal zuhören: Der „Stimme der Nacht“ und den Menschen, die sie bevölkern.

Epilog

Dass Theater gelingt, ist nie nur die Leistung einer Person: Der Abend entsteht aus der Probenleitung und Impulsen der Regie von Anne Burkhardt, Tina Somann und erstmals Annika Martin. Er entsteht aus den unzähligen Ideen und Impulsen des Ensembles Abi27 und erhält von der Licht- und Ton-AG (Tom Hollmann, Max Leon Andreas, Florian Schlicht und Levi Wolff) den perfekten Look und Sound.
Und was noch? Einen Raum, ein paar Kästen, Tücher, Bänder, minimale Requisiten eben - und Menschen in schwarzer Kleidung, die durch Stimme und Bewegung im Zusammenspiel mit Licht und Ton zwischen Verona und Jugendzimmer, Straße und Pärchendinner wechseln. Wir erleben hier keine spektakulären Solo-Nummern, alles fügt sich herrlich dynamisch aus dem Geist des Ensembles und der Logik der Szenen. In einem solchen Konzept gibt es daher auch keine kleinen Rollen, da der Glanz dieser Performance nur entsteht, wenn jede und jeder funkelt. Und dieses Ensemble lässt die Nacht erstrahlen! - Mit etwas Abstand fügt sich die Collage fester als erwartet, bleiben manche ernsten Themen hängen und es wird klar, was wirklich möglich ist: Ungesagtes hörbar, Verborgenes sichtbar zu machen, Unaussprechliches zu empfinden.
Ihr habt so viel zu erzählen, hier durften wir einen kleinen Einblick gewinnen. Danke.

Das Ensemble DSP-Abi27

Abbas Rezai - Alina Dau - Amelie Lüders - Emma Daske - Eva Parplies - Ida Quellen - Jakob Schlesselmann - Jannes Lassalle - Jennifer Krüger - Joris Mahnke - Linus Martens - Lisa Steinigen - Luis Riepshoff - Luna Rutz - Marcel Steffens - Marinela Divkovic - Mischa Sept - Neele Scholz - Niels Volckmer - Tjelle Haber - Tjorge Meyer. Leitung: Anne Burkhardt - Tina Somann - Annika Martin